Im Berufsalltag, vor allem als Führungskraft, begegnen uns immer wieder kniffligen Situationen. Eine große Herausforderung stellt dabei die Bildung eines Teams dar. Doch was müssen Sie als Führungskraft bei der Teambildung beachten? Und wie meistern Sie selbst schwierige Situationen?

Vor einem Trainingstag bin ich gerne mindestens eine halbe Stunde vor den Teilnehmern in den Seminarräumen. In dieser Zeit stimme ich mich auf den Tag ein. Ich habe es mir angewöhnt bei mehrtägigen Kursen die Namensschilder der Teilnehmer vor deren Eintreffen zu vertauschen. Und zwar so, dass die Teilnehmer nie den gleichen Sitznachbar haben. Wieso?

Nun, ich bin davon überzeugt, dass man durch das bloße Hören trockener Theorie nicht viel lernt. Wirklich interessant wird der Lernprozess erst, wenn man die Theorie selbst auf die Praxis anwenden kann.

Teambildung

Hierzu lasse ich die Führungskräfte in Kleingruppen verschiedene Aufgabenstellungen lösen. Jede Gruppe arbeitet hierbei anders – denn nicht jede Zusammenarbeit ist auch Teamarbeit.

Woran kann es liegen, dass manche Personenzusammenstellungen besser zusammenarbeiten als andere? Durch mein willkürliches Vertauschen der Namensschilder sind die Gruppen ebenso willkürlich zusammengesetzt.

Dadurch entstehen zum einen Teil homogene Gruppen, d.h. Gruppen in denen die Personen relativ ähnliche Fähigkeiten haben. Zum einem anderen entstehen Gruppen, in denen jeder andere Fähigkeiten hat und sich die Gruppenmitglieder somit gegenseitig ergänzen können. Und erst dann kann man von einem funktionierenden Team sprechen.

In meinen über 20 Jahren als Mediator und Business Coach habe ich dies auch in vielen Unternehmen erlebt. Oft werden diejenigen Mitarbeiter zusammen auf ein Projekt gesetzt, die bereits in der Vergangenheit ein gemeinsames Projekt erfolgreich abgeschlossen haben. Oft werden auch die Mitarbeiter mit genügend freien Kapazitäten gewählt. So entsteht zwar eine Gruppe von Personen, die gemeinsam etwas erarbeitet, aber noch lange kein Team. Ein Team besteht aus Mitgliedern, deren Fähigkeiten sich gegenseitig ergänzen und somit jeder seinen Teil zum Ergebnis beitragen kann.

Sie als Führungskraft haben die Aufgabe Ihr Team dabei zu unterstützen das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Doch Teams durchlaufen erst einen langen Prozess der Selbstfindung bevor sie voll leistungsfähig sind. Denn kein Team arbeitet von Anfang an problemlos miteinander – es durchläuft die 4 Phasen der Teambildung bis eine gemeinsame Teamstruktur entsteht.

Die 4 Phasen der Teambildung werden auch Sie als Teamleiter durchlaufen. Dabei werden Sie Ihre Führungsweise in jeder Phase entsprechend anpassen. Dies ist nicht ganz einfach, denn Sie müssen den Spagat zwischen zwei Extremen meistern.

Zum einen müssen Sie durch passives Zurücknehmen beobachten, in welcher der 4 Phasen der Teambildung sich Ihr Team gerade befindet. Zum anderen müssen Sie Ihr Team durch aktives Führen in den einzelnen Phasen unterstützen.

Dies zu meistern ist wirklich nicht einfach und dadurch werden Sie dazu verführt den Entwicklungsprozess durch entsprechende Maßnahmen zu beschleunigen. Sie und Ihr Team benötigen aber eine gewisse Zeit, um die einzelnen Phasen zu durchlaufen. Also lassen Sie sich diese Zeit und bleiben Sie geduldig.

Die 4 Phasen der Teambildung

Phase 1: Orientierung (Forming)

In dieser ersten Phase der Teambildung sind sich die meisten Teammitglieder bisher noch fremd. Es müssen Gewohnheiten infrage gestellt und Regeln gelernt werden. Viele Mitarbeiter werden sich in dieser Situation erstmal auf ihren sozialen Status zurückziehen, d.h. ihren Rang, ihre Position, ihr Alter oder die Dauer der Unternehmenszugehörigkeit. So können Sie das Geschehen von einer vertrauten Position aus beobachten.
In dieser Phase ist die Leistungsfähigkeit eingeschränkt, da die Rollen im Team noch nicht klar verteilt sind und vieles noch unklar ist. Die Geschäftigkeit im Team kann zwar eine gewisse Effektivität vortäuschen, ist aber im Prinzip nur darauf begründet, dass sich am Anfang alle große Mühe geben und sich nicht unbeliebt machen wollen.

Wie verhalte ich mich als Führungskraft in der 1. Phase der Teambildung?

  • Geben Sie Ihrem Team Sicherheit und Orientierung
  • Verteilen Sie Aufgaben
  • Geben Sie klare Anweisungen
  • Steigern Sie das gegenseitige Vertrauen, indem Sie Übungen durchführen, die den Teamgeist stärken
  • Geben Sie anfangs nur leichte und machbare Zwischenziele vor, die schnelle Teamerfolge versprechen
  • Führen Sie in regelmäßigen Abständen offene Feedback-Runden durch, in denen über bereits erreichte Ziele und über mögliche Rückschläge gesprochen wird
  • Unterstützen Sie das Team dabei seine eigenen Spielregeln aufzustellen

Phase 2: Positionskampf (Storming)

Die zweite Phase ist möglicherweise die schwierigste – sowohl für Sie als auch für das Team. Die Teammitglieder entwickeln Widerstände gegen andere Teammitglieder, gegen Aufgaben und gegen Sie als Teamleiter. Es beginnt ein Wettstreit um Anerkennung und um Positionen. In solchen Augenblicken ist jeder gegen jeden. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass das Team eher dabei ist sich aufzulösen, als sich zusammenzuraufen. Doch genau dies ist der Fall. Denn die zweite Phase ist ein Beweis dafür, dass sich das Team auf dem richtigen Weg befindet. Durch Konfrontationen wird das Miteinander definiert.

Wie verhalte ich mich als Führungskraft in der zweiten Phase der Teambildung?

  • Achten Sie auf die Umgangsformen der Teammitglieder untereinander
  • Erklären Sie Ihrem Team, dass diese Phase zum Entwicklungsprozess dazugehört – dies spornt zum Durchhalten an
  • Stehen Sie dem Team bei der Konfliktlösung zur Seite. Wie, das zeigen wir Ihnen hier.
  • Führen Sie regelmäßige Feedback-Runden durch, in denen alles angesprochen werden darf – sowohl positive als auch negative Erfahrungen und Ereignisse

Phase 3: Organisation (Norming)

In dieser Phase der Teambildung ist nun jeder bereit sich an der Arbeit des Teams zu beteiligen – es entsteht ein Wir-Gefühl. Die Mitarbeiter haben sich nun untereinander kennengelernt und akzeptieren ihre Rollen innerhalb der Gruppe. Außerdem sind sie in der Lage mit Konflikten souverän umzugehen.

Es lässt sich ein entscheidender Fortschritt in der Kommunikation des Teams beobachten. Der offene Austausch wird ebenso gepflegt, wie Feedback praktiziert. Es wird nicht länger gegeneinander, sondern miteinander gearbeitet. Das Team hat individuelle Spielregeln aufgestellt, die jeder kennt und an die sich jedes Teammitglied hält.

Ab diesem Zeitpunkt steigt auch die Produktivität und das Team kann gemeinsam auf den Erfolg des Projektes hinarbeiten.

Wie verhalte ich mich als Führungskraft in der dritten Phase der Teambildung?

  • Übertragen Sie Aufgaben an geeignete Teammitglieder
  • Binden Sie Wortführer stärker ein
  • Setzen Sie Teambesprechungen an
  • Machen Sie Erfolge sichtbar
  • Geben Sie Ihren Mitarbeitern an geeigneter Stelle Feedback – sowohl positiv als auch negativ

Phase 4: Realisierung (Performing)

In dieser Phase ist das Team nun so weit, dass es sich selbst organisiert. Die Teammitglieder unterstützen sich gegenseitig bei der Realisierung der Projektziele. Das Team ist jetzt eine effektiv arbeitende Einheit.
Das Team arbeitet selbständig und Prozesse werden bereits ohne Einfluss von außen optimiert und verbessert. Für Sie als Führungskraft ist auch diese Phase nicht ganz so einfach. Sie sollten sich aus der aktiven Arbeit möglichst weit zurückziehen, dabei aber immer ein offenes Ohr für Ihre Mitarbeiter haben. Nur so stehen Sie einem erfolgreichen Ergebnis des Projektes nicht im Weg.

Wie verhalte ich mich als Führungskraft in der vierten Phase der Teambildung?

  • Ziehen Sie sich zurück und bleiben trotzdem offen für Probleme und Anliegen Ihrer Teammitglieder
  • Stärken Sie die Leistungsfähigkeit des Teams, z.B. durch Coaching
  • Übertragen Sie Management-Aufgaben an das Team – dies fördert die Motivation
  • Geben Sie den Mitarbeitern regelmäßig Feedback über erfolgreich verwirklichte Etappenziele

Die Entwicklung des Teams ist die zentrale Aufgabe einer jeden Führungskraft. Auch wenn es dem Team nicht bewusst ist, arbeitet es doch beständig an seiner Weiterentwicklung und daran besser zu werden. Selbst bei gut funktionierenden Teams sollten Sie als Führungskraft regelmäßig hinterfragen, ob das Team nicht noch effizienter zusammenarbeiten könnte.

Oft kann ein externes Training und somit der Blick einer neutralen Person auf die Zusammensetzung des Teams sowohl den Zusammenhalt als auch die Zusammenarbeit eines Teams wesentlich verbessern. Außerdem können so entscheidende Impulse für die weitere Entwicklung gegeben werden.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei der Teambildung!

Ihr

Autor

Hermann Müller, Dipl.-Ing.

Hermann Müller, Dipl.-Ing.

Der studierte Maschinenbauingenieur trainiert seit über 20 Jahren Fach- und Führungskräfte. Dabei ist er in der nationalen und internationalen Wirtschafts- und Arbeitswelt unterwegs. Neben der Mediation hat er sich auf das Thema Führungskompetenz spezialisiert und zeigt Führungskräften was wirklich funktioniert.

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